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Die Balance halten - in einer erfolgsorientierten Welt eine große Herausforderung (Bild: clipart.com)
Überforderung, Mobbing, Angst am Arbeitsplatz - zahlreiche äußere Gründe können zum Burn-out führen. Doch viele Ursachen liegen in der Persönlichkeit des Betroffenen selbst
Als Jürgen Klinsmann uns nach der Fußballweltmeisterschaft verließ, als er uns erklärte, dass aus unserem Sommer kein gemeinsamer Herbst werden würde, weil er sich ausgebrannt fühle, da fragte die "Bild"-Zeitung am nächsten Tag: "Wie gefährlich ist das Burn-out-Syndrom?"
Burn-out wird häufig als Phänomen der beruflich Erfolgreichen dargestellt. Eine chronische Erschöpfung von Menschen, die von sich nicht mehr und nicht weniger verlangen, als Weltmeister ihrer Disziplin zu werden. Ist Burn-out-Syndrom also nur ein Modewort, mit dem ich mich aus der Durchschnittlichkeit heraushebe in die Liga der Karrieretypen und mit dessen Hilfe ich mir bei Bedarf eine gesellschaftlich akzeptierte Auszeit verschaffe? Die Wirklichkeit ist viel komplexer. Denn ein Burn-out-Syndrom muss nicht immer etwas mit dem Beruf zu tun haben - auch das Privat- und Familienleben kann zu dieser völligen Erschöpfung führen. Und es hat seine Ursache auch nicht unbedingt und ausschließlich in unzumutbaren äußeren Bedingungen, sondern vermutlich ebenso in uns selbst und unseren unrealistischen Erwartungen.
Wer sich ausgebrannt fühlt, ist leer: keine Gefühle, keine Energie mehr. Jedes Telefonklingeln ein Angriff - Hilfe, jemand will etwas von mir. Die Tage sind voller Last, und die Nächte bringen keine Erholung. Am Morgen soll Abend, am Montag soll Freitag sein. Freunde? Keine Kraft. Sport? Wie das denn? Familie? Keine Ahnung, was die so bewegt. Körper und Geist sind müde, unendlich müde. Matthias Burisch, Professor für Psychologie an der Universität Hamburg und einer der führenden europäischen Experten für das Burn-out-Syndrom, hat 130 unspezifische Symptome gefunden, an denen Betroffene leiden können: Sie reichen von Albträumen und Aggressionen über Einsamkeit und Muskelverspannungen bis hin zu Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.
Der Wissenschaftler beschreibt darüber hinaus vier Kernsymptome: Da ist zunächst das Gefühl "Ich kann nicht mehr". Eine emotionale Erschöpfung, die sich auch an Wochenenden und im Urlaub höchstens kurzzeitig bessert. Hinzu kommt die Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung. Man muss immer mehr Energie aufwenden, um ein Ergebnis zu erzielen. Alles fällt unendlich schwer. Das Leben fühlt sich an wie fahren auf einem Fahrrad, bei dem der Rahmen am Reifen schleift. Dazu kommt die sogenannte Dehumanisierung: Menschen bauen Distanz oder sogar Aversionen gegenüber denen auf, mit denen sie arbeiten. Ärzte etwa gegenüber ihren Patienten, Lehrer gegenüber ihren Schülern. Ebenso entwickeln Betroffene massiven Widerstand gegen die Situation, die sie so erschöpft. So gehen sie häufig mit Kopf- oder Magenschmerzen ins Büro.
Bis heute fehlt eine eindeutige und allgemein anerkannte Definition des Burn-out-Syndroms. Burisch beschreibt es als Folge eines "defekten Gefühlsmuskels": Der ist dafür zu ständig, dass wir mithilfe von Gedanken unsere Gefühle regulieren können. Dass wir uns etwa überwinden, unsere Steuererklärung zu machen, obwohl uns schon beim Gedanken daran die Lust vergeht. Dass wir uns selbst eine Belohnung in Aussicht stellen, bevor wir uns an eine unangenehme Aufgabe machen - oder diese in erträgliche Portionen aufteilen. Funktioniert diese Emotionsregulierung nicht, können Winzigkeiten ganze Tage verderben. Dann finden wir aus unserer Wut, unserem Ärger oder unserer Angst nicht mehr heraus.
Das Burn-out-Syndrom kann jeden treffen. Es kommt nicht von heute auf morgen, sondern entwickelt sich langsam, manchmal über Jahre. Wohl jeder von uns hat zumindest die Anfangsphasen schon einmal erlebt. Ignorieren wir dann die Warnzeichen, kann das am Ende zu existenzieller Verzweiflung führen. In dieser letzten Phase sind die Symptome eines Burn-outs nicht mehr von denen einer Depression zu unterscheiden. Die Übergänge zwischen beiden Leiden sind fließend. "Die Diagnose Burn-out an sich gibt es nicht", sagt Dr. Andreas Kordon, Oberarzt in der Psychiatrie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck. Denn offiziell ist das Syndrom keine Krankheit. Eher ein "krisenhafter Prozess", wie Psychologe Burisch es ausdrückt. "Sehr oft", sagt Kordon, "steckt dahinter eine Depression." Häufig ist das für die Betroffenen zunächst schwer zu akzeptieren. Denn den meisten Menschen kommt "Burn-out" leichter über die Lippen. Ein Wort, das nicht sagt: "Ich kranke an meiner Seele", sondern das vielmehr ausdrückt: "Hey, ich habe etwas geleistet." Andreas Hillert, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und Michael Marwitz, psychologischer Psychotherapeut, gehen in ihrem Buch "Die Burnout-Epidemie" noch weiter: Durch Burn-out erhalte der Betroffene "so etwas wie eine Krankenrolle, verbunden mit der Legitimation, weniger bis gar nichts mehr leisten zu müssen, ohne aber als (seelisch) krank zu gelten".
Ob jemand irgendwann völlig erschöpft ist oder nicht, kann an inneren oder äußeren Faktoren liegen - oder an einer Kombination aus beiden. Zu den äußeren Risikofaktoren gehören Mobbing, Rollenkonflikte, unklare Hierarchien und Ziele, permanenter Zeitdruck sowie mangelnde Autonomie und ein schlechtes Betriebsklima. Auch Zäsuren im Leben können ein Auslöser sein. Dabei muss es sich nicht um eine Trennung, den Tod eines geliebten Menschen oder den Verlust des Arbeitsplatzes handeln. Freudige Ereignisse können genauso ein Burn-out-Syndrom verursachen: die Geburt eines Kindes, der erste Job nach dem Studium, die Beförderung, die aus dem Ingenieur einen Projektleiter macht. Denn immer, wenn sich etwas ändert, verknüpfen wir damit Erwartungen, die enttäuscht werden können. Wir stürzen uns in das tolle neue Projekt, bis wir vielleicht feststellen, dass es uns mit hohen Anforderungen belastet, die versprochene Unterstützung aber ausbleibt. Oder dass uns die Beförderung Aufgaben aufhalst, die uns nicht liegen, und uns wegbringt von dem, was wir lieben. Irgendwann fühlen wir uns in der Falle. Wir können den Job nicht hinschmeißen, weil wir eine Familie ernähren müssen. Oder wir stellen fest, den falschen Beruf gewählt zu haben, und wissen nicht, wie wir das ändern sollen.
Ob eine bestimmte Situation zu einem Burn-out-Syndrom führt oder nicht, hängt auch von der Stressresistenz und der Verwundbarkeit des Einzelnen ab. Burisch unterscheidet zwei Typen von Betroffenen: Da ist zunächst der "Selbstverbrenner", der sich und seinen Ambitionen keine Grenzen setzt, sich alles zumutet. Doch weil die Latte zu hoch liegt, überfordert er sich letztlich. Der zweite Typ ist der wenig durchsetzungsfähige, eher passive "Verschlissene", der sich nicht traut, auch mal Nein zu sagen, und sich von den Umständen überfordern lässt. Nicht selten wird aus dem Selbstverbrenner ein Verschlissener.
In seiner Beratungspraxis hat Burisch beobachtet, dass ein Burn-out vor allem die Männer und Frauen trifft, die von ihrem Leben etwas Besonderes erwarten und dabei an Projekten scheitern, die der Welt beweisen sollen: "Ich bin mehr als nur Mittelmaß." Diese Menschen tragen häufig mindestens einen der folgenden fünf "inneren Antreiber" in ausgeprägter Form in sich: Sei perfekt! Streng dich an! Beeil dich! Sei stark! Mach's den anderen recht! - leise, hartnäckige Stimmen, die uns an das erinnern, was Eltern und andere Bezugspersonen uns mit auf den Lebensweg gegeben haben, damit aus uns mal "etwas wird". Erlauben wir diesen Antreibern, uns zu beherrschen, kann das dazu führen, dass uns jegliche Lebensfreude abhanden kommt. Ob das Syndrom eher Frauen oder Männer befällt, ist nicht erforscht. Allerdings stellt das meist weibliche Bedürfnis nach Harmonie einen weiteren Risikofaktor dar.
Neben der persönlichen Veranlagung rücken im Zusammenhang mit Burn-out immer wieder bestimmte Berufsgruppen in den Blickpunkt: Manager und Spitzensportler etwa wegen des hohen Leistungsdrucks, unter dem sie stehen. Auch Kreative gelten als besonders gefährdet, ebenso Lehrer, Kranken- und Altenpfleger, Ärzte und Sozialarbeiter. Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger beschrieb 1974, wie ehrenamtliche Drogenberater binnen weniger Monate ihren glühenden Enthusiasmus verloren und zu erschöpften Zynikern wurden. Er nannte ihren Zustand "Burn-out" und prägte damit den Begriff. Burisch und andere Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass es bislang keine gesicherten Daten darüber gibt, dass Burn-out in diesen Berufsgruppen tatsächlich häufiger vorkommt als in anderen. In Untersuchungen zeigte sich, dass Apotheker ebenso betroffen sind wie Bestatter, Bibliothekare wie Anwälte, Studenten wie Hochschullehrer.
Nachdem Freudenberger diesen Begriff gefunden hatte, nahmen ihn Wissenschaft, Medien und Gesellschaft dankbar auf: Ein Gefühl hatte plötzlich einen Namen. Dabei floh schon Goethe ausgebrannt nach Italien. Burisch sieht auch in der literarischen Gestalt des Senators Thomas Buddenbrook ein frühes Opfer - der wünschte sich nichts dringlicher, als Bürgermeister zu werden. Von Autor Thomas Mann wird er im Jahr 1901 als "unaussprechlich müde und verdrossen" geschildert: Burn-out-Symptome - auch wenn es damals niemand so nannte. Burisch glaubt, dass es das Leiden tatsächlich schon immer gegeben habe, "aber in den vergangenen Jahrzehnten hat es zugenommen". Denn in unserem modernen Leben dient der Beruf nicht nur dem Gelderwerb, sondern auch der Selbstverwirklichung. Gleichzeitig nimmt der Druck auf den Einzelnen zu: Globalisierung, Arbeitslosigkeit oder die Angst davor. Es gibt wenig, worauf man sich verlassen kann. Man muss flexibel, schnell, mobil und froh sein, wenn man beim outgesourcten Tochterunternehmen zu schlechten Bedingungen arbeiten darf. Und auch im Privaten ist nur der Wandel verlässlich: Ist der Mann von heute auch noch der von morgen? Wer weiß das schon. In allen Bereichen des Lebens austauschbar zu sein, strengt ungeheuer an.
Wie man die Lebensfreude zurückgewinnt, dafür gibt es kein Patentrezept. Zunächst sollte man raus aus der akuten Situation. Urlaub oder Krankschreibung ermöglichen Distanz zum Krisenherd. Generell empfiehlt Matthias Burisch: "Nachdenken und nicht allein bleiben." Denn egal ob man sich professionelle Hilfe holt oder mit der Freundin oder dem Partner redet: Es geht erst einmal darum, aus dem "Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht" die eigentlichen, individuellen Probleme herauszuarbeiten. Dabei kann man durchaus zu dem Schluss kommen: "Ich muss da weg." - "Es gibt fast immer einen Ausweg", sagt Burisch. "Oft muss man aber erst mal seine Kreativität wieder wecken, um ihn zu sehen."
Euphorisch stürzen wir uns in die neue Aufgabe, betreiben enormen Aufwand, um sie erfolgreich zu bewältigen. Entscheidend ist nicht, wie viel Energie wir einsetzen, sondern wie wohl wir uns dabei fühlen. Erreichen wir unsere Ziele und ernten Anerkennung, können wir jahrelang mit hohem Energieeinsatz leben. Scheitern wir aber an unseren Ansprüchen, werden Leistungen nicht wertgeschätzt und finden wir die Arbeit eintöniger als erwartet, können wir starken Widerwillen dagegen entwickeln.
Unser Einsatz lässt nach. Wir engagieren uns weniger und ziehen uns von den Kollegen zurück. Wir machen nur noch das Nötigste, zählen die Wochen bis zum Urlaub, leben erst nach Dienstschluss auf.
Die Vorstellungen von einem erfüllten Berufsleben lassen sich nicht so einfach aufgeben. Der Job hält nicht, was wir uns von ihm versprochen haben? Wir können Antworten finden, die uns eher depressiv machen - weil wir den Fehler bei uns suchen. Oder wir geben anderen die Schuld - zum Beispiel dem Chef, der unsere Fähigkeiten nicht erkennt, oder der Kollegin, die sich in den Vordergrund spielt. Das macht eher aggressiv.
Die Motivation sinkt, Fehler schleichen sich ein. Wir machen Dienst nach Vorschrift, meiden Experimente, bleiben am liebsten in eingefahrenen Bahnen.
Im Beruf wie im Privatleben leisten wir uns immer seltener emotionale Ausschläge nach oben oder unten: Das Gefühlsleben verflacht. Was Kinder, Mann oder Freunde erzählen, hören wir zwar, doch es berührt uns nicht mehr. Freunde ziehen sich zurück, die Familie fordert uns auf, wieder präsenter zu sein. Das verstärkt das Gefühl der Überforderung.
Spätestens jetzt reagiert der Körper auf das seelische Ungleichgewicht. Magengeschwüre, Herzkrankheiten, Missbrauch von Nikotin oder Alkohol sind typische Erscheinungen in dieser Phase.
Zuletzt existiert nur noch Verzweiflung. Wir wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll. Nicht selten stellen sich Gedanken an Selbstmord ein. Die Symptome sind in dieser Phase kaum mehr von denen einer Depression zu unterscheiden.
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