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Wolfgang Hanfstein
"Unvollkommen, aber stark": Die Zumutungen der Freiheit (Foto: PR)
"Ein gesundes Selbstwertgefühl ist weder schwerer noch leichter zu erlernen als Russisch oder Geige." Der das sagt, ist Christophe André, Psychiater und Verhaltenstherapeut, der mit "Unvollkommen, aber stark" einen Bestseller geschrieben hat. Das Ziel des Buches ist die Entwicklung des Selbstwertgefühls. Also "ich zu sein, aber besser, heiterer, zuversichtlicher, wagemutiger und gleichgültiger gegenüber Blicken und Bewertungen". Eine spannende Reise zu sich selbst
Es ist noch nicht viele Generationen her, da bestimmten Familie, Kirche, Staat und Arbeitgeber über den Platz des Einzelnen in der Gesellschaft. Zur Einordnung und Unterordnung gab es keine Alternative. Diese Zeiten sind lange vorbei, und wir sind Zeugen, wie jetzt die letzten Reste dieser paternalistischen Systeme wegschmelzen. Kehrseite der Freiheit ist, dass wir heute sehr schnell den Platz in der Gesellschaft verlieren können: "Kein Job, kein Partner, keine Freunde … das Aufbauen des Selbst ist somit in Zeiten wie diesen, in denen alles auf Autonomie und individueller Leistung beruht, unentbehrlich geworden." Das ist der Ausgangspunkt des Buches von Christophe André, und er macht keinen Hehl daraus, dass die meisten Menschen damit zu kämpfen haben. Sie leiden entweder an krankhaft überhöhtem Selbstwertgefühl oder leiden, wie die Mehrheit, unter einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl.
Die Botschaft des Verhaltenstherapeuten ist klar: Gesundes Selbstwertgefühl kann man lernen. Aber nicht an einem Nachmittag und auch nicht über Nacht, sondern nur, in dem man Schritt für Schritt über viele Jahre neue Verhaltensweisen einübt. Er warnt mit Marc Aurel vor "vergeblichen Revolten", also vom Kampf gegen Dinge, die wir nicht verändern können ("Diese Gurke ist bitter; wirf sie weg. Füge nicht hinzu: 'Warum gibt es das auf der Welt?'"). Vor allem aber geht es ihm darum, sich selbst anzunehmen, wie man ist. Und zwar nicht, um zu bleiben, wie man ist, sondern um die Voraussetzung für Veränderung zu schaffen. Christophe André spricht einen Großteil der Mechanismen an, mit denen wir unseren Selbstwert tagtäglich sabotieren ("Ich bin nicht gut genug", "Ich bin es nicht wert" oder das Hochstapler-Syndrom "Ich habe diesen Erfolg eigentlich nicht verdient").
Es ist der besondere Verdienst des Buches, dass es nicht einfach in Ratgebermanier schnell ein besseres Leben verspricht. Vielmehr sieht Christophe André die Arbeit am gesunden Selbstwertgefühl in größerem Rahmen, indem er auch dazu animiert, "an der Verbreitung des Selbstwertgefühls auf andere zu arbeiten: andere Menschen bewusst positiv zu bewerten, ihnen Mut zu machen, ihren Wert anerkennen – das ist der beste Dienst, den jeder einzelne der Menschheit erweisen kann." "Unvollkommen, aber stark" beschreibt jenseits profunder psychologischer Kenntnisse ein Lebensprogramm, dessen Ziel nicht der materielle Erfolg ist, sondern der sich seiner selbst bewusste Mensch.
Christophe André: Unvollkommen, aber stark, Droemer Knaur Verlag, 2009, 8,95€.
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