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Feierabend! Soziologe Jakob Schrenk ist für die strikte Trennung zwischen Job und Privatleben (Bild: clipart.com)
Der Traum vom selbstbestimmten Job kann leicht zum Albtraum werden. Spätestens dann, wenn wir nicht mehr zwischen Freizeit und Beruf unterscheiden können. Der Soziologe Jakob Schrenk warnt davor, vor lauter Arbeit das Leben zu verpassen
Was ist in Ihren Augen schlecht daran, wenn man sich mit Herz und Seele in seine Arbeit stürzt und sich persönlich voll einbringt?
Daran ist an sich nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Es ist schön, wenn einem der Job Spaß macht. Problematisch sind die Folgen. Menschen, die sehr viel und leidenschaftlich arbeiten, verzichten oft auf große Teile ihres Privatlebens. Sie kommen nicht mehr dazu, Freunde zu treffen, teilen alles mit den Kollegen und haben ein einseitiges Leben. Psychische Erkrankungen wie Burn-out, Schlaflosigkeit und andere Stresssymptome nehmen vor allem in den neuen Berufen zu, in denen Selbstverwirklichung groß geschrieben wird.
Aber ist daran wirklich das leidenschaftliche Verhältnis zum Beruf schuld? Sind Menschen, die einen hohen Glücksanspruch an ihre Arbeit haben, Ihrer Meinung nach anfälliger für Burn-out?
Ich glaube schon. Für mein Buch habe ich zum Beispiel einen Banker interviewt, der 80 bis 100 Stunden pro Woche arbeitet und von Glücksgefühlen erzählt, wenn er die Nacht am Schreibtisch durchmacht und der Computerbildschirm dann am frühen Morgen dasselbe Blau hat wie das Licht draußen. So reden eigentlich nur Abhängige über ihre Drogenerlebnisse. Gleichzeitig merkt er, dass sein Privatleben total verkümmert, seine Wohnung immer noch nicht eingerichtet ist und er nicht mal Zeit für eine Freundin hat.
Warum wird aus Selbstverwirklichung im Beruf so schnell Selbstausbeutung?
Selbstverwirklichung führt dazu, dass man seine Fantasie, Kreativität und Leidenschaft in die Arbeit einbringt. Oft werden außerdem auch noch die Kollegen zu Freunden und man hat das Gefühl, dass man sie nicht hängen lassen kann. Wer das Büro um sechs Uhr abends verlässt, obwohl die anderen noch arbeiten, fühlt sich wie ein Verräter. Freundschaft und Fantasie waren früher eher der Freizeit zugeordnet, heute fließen sie in die Arbeit. Das wird zum Problem, wenn man keine Grenzen mehr ziehen kann. Dann verwirklicht sich nicht mehr nur der Mensch in der Arbeit, sondern die Arbeit im Menschen. Durch die modernen Technologien, die es möglich machen, überall und ständig erreichbar zu sein, wird das noch verstärkt. Viele Menschen arbeiten heute freiwillig zu viel.
Brauchen wir wieder eine deutlichere Trennung zwischen Arbeits- und Privatsphäre?
Ich bin dafür, altmodische Konzepte wie das Wort Feierabend wiederzubeleben und eine klare Trennlinie zu ziehen, indem man beispielsweise mit sich vereinbart: Ich arbeite nur im Büro und ich arbeite nie am Wochenende. Selbst Menschen, für die Beruf und Berufung dasselbe ist, müssen lernen, auch mal Nein zum Chef zu sagen. Ich habe den Eindruck, dass wir in den letzten 30 Jahren die Arbeit wahnsinnig überhöhen und alles Glück dieser Welt nur noch in der Arbeit suchen. Wir sollten den Ball etwas flacher halten und akzeptieren, dass der Beruf manchmal auch einfach nur ein Broterwerb ist. Heutzutage ist man regelrecht dazu verpflichtet zu verkünden, dass einem der Beruf irrsinnig viel Spaß macht. Ich habe mit Telefonistinnen gesprochen, die mit leuchtenden Augen von Selbstverwirklichung in ihrem eigentlich sehr stupiden Job geschwärmt haben. Ein nüchterneres Verhältnis zur Arbeit würde uns gut tun.
Heißt das, dass Sie von Berufung gar nichts halten?
Wenn sich jemand zu etwas berufen fühlt und es funktioniert, warum nicht? Trotzdem würde ich immer auf die Folgen aufpassen. Denn die Begeisterung wird auch schnell vom Arbeitgeber ausgenutzt. Nach dem Motto: Wer sich nicht voll und ganz einbringt, tut nicht genug für die Firma. Wir wollen heute nichts mehr von Zwängen wissen, die das Leben einengen, sondern wir gehen davon aus, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Das heißt: Wir müssen auch im Job glücklich sein, sonst haben wir versagt. Es ist keine Möglichkeit, sondern eine Verpflichtung. Und das kann ungeheuer anstrengend sein.
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